Die Uhren haben ihre Zeit verloren

Fritzi Jelinek bekannt aus der „Absturzgefahr” und der „Pensionsschockdepression”, jetzt als freiberufliche Lektorin tätig, erhält von ihrem Verleger Martin Gruber einen Anruf, daß Hans Haller mit seinem „Covid-Verschwörungsroman” den „Rauriser-Förderungspreis” bekommen soll.

Aber wo ist der Autor? Außer einem Foto von einem kleinen Buben mit einer Schultüte in der Hand, das dem Manuskript beigelegen ist, gibt es keinen Hinweis, sondern nur eine Postfachadresse.

Fritzis Nachbarin, Thekla Morgenstern, hat in einer alten „Nobelpreisträger-Ausgabe”, die sie im offenen Bücherschrank fand, auch solche Fotos gefunden. Die stammen aus dem Nachlaß von Bernhard Wilhelm. So kommt Fritzi Jelinek in Kontakt mit der Sprachkunst-Studentin Emma Baldinger, die mit ihrer Mutter seine Wohnung ausräumt und schon einen Roman geschrieben hat.

1.

Fritzi Jelinek saß in ihrem Arbeitszimmer, hatte den Laptop eingeschaltet und war, als sie zu ihrem Kaffeebecher griff, mit sich zufrieden. War sie doch vor kurzem dreißig geworden und vor fünf Jahren, nachdem sie ihre Psychotherapieausbildung abgeschlossen hatte, von Linz wieder nach Wien gekommen. Henny Leitenberger vom Schreibstudio hatte ihr ein paar Seminare angeboten und Janusz Warszinski, der polnische Pfarrer, der St. Ulrichskirche, eine Bibliotherapie-Gruppe, weil sie auch Schreibtrainerin war, die sie immer noch betrieb und an der er auch regelmäßig teilnahm, dachte sie und wurde ein wenig rot. Platonisch, selbstverständlich nur platonisch, so war ihre Beziehung geblieben und Frau Werner, die Pfarrsekretärin kam immer noch, wenn sie anschließend Kaffee mit ihm trank, mit einem Aktenbündel in sein Büro und sah sie forschend an, bevor sie sich scheinbar freundlich erkundigte, ob sie den Herrn Pfarrer und die Frau Magister störe?

„Tun Sie nicht!”, pflegte ihr Janusz nach wie vor ruhig zu antworten. Sie war auch ruhiger geworden und wurde nicht mehr automatisch rot, wenn sie an ihr Ver\-häl\-tnis zu Janusz dachte. Platonisch, selbstverständlich nur platonisch. So war es geblieben und sie hatte ihren Frieden in diesem ungewöhnlichen Verhältnis gefunden. Einmal in der Woche die Bibliotherapie-Gruppe in seiner Pfarre. Die Flüchtlingsbetreuung in der Fuchsthallergasse, wo sie ihn vor zehn Jahren bei einem Praktikum kennengelernt hatte, hatte sie aufgegeben, wie auch die Seminare bei Henny Leitenberger. Stattdessen war sie seit drei Jahren, was ihre Mutter freute, als freiberufliche Lektorin tätig. Sah für einige Verlage die Manuskripte durch und zuckte zusammen, als sich ihr Handy rührte und sich Martin Gruber vom „Star-Verlag” aufgeregt meldete.

„Störe ich Kindchen?”, platzte er ins Gespräch hinein und fuhr ohne ihre Antwort abzuwarten „Hast du es schon gehört? Ich kann dir gratulieren! „Die „Uhren” werden den „Rauriser-Förderungspreis” bekommen und wenn du dich jetzt wunderst, daß ich dich und nicht Hans Haller anrufe, gleich meine Frage, wo kann ich ihn erreichen? Habe ich doch festgestellt, daß ich keine Nummer von ihm habe! Ich habe ihn, ist mir eingefallen, auch noch nie gesehen! Nur sein Manuskript von dir lektorieren lassen! Es in „Rauris” eingereicht und jetzt mein, sein, dein Erfolg! Da will ich ihn nicht länger warten lassen, sondern die freudige Nachricht überbringen, falls er es nicht schon aus dem Kulturjournal erfahren hat! Dann wäre ich zu spät dran! Da er sich aber nicht bei mir gemeldet hat, hat er es vielleicht noch nicht erfahren und so kann ich doch der freudige Überbringer der guten Nachricht sein und wende mich an dich, um seine Nummer, die du sicher hast?”, behauptete er, brach seinen Redeschwall ab, um kurz darauf zu schnaufen, als sie „Ich fürchte, daß ich dich enttäuschen muß, denn ich habe seine Nummer ebenfalls nicht! Nur eine Postfachadresse, an die ich ihm ganz altmodisch meine Anmerkungen sandte und ein Foto, wo er blond und blauäugig mit einer Schultüte in der Hand vor seinem Wohnhaus steht, war dem Manuskript auf Seite zwanzig beigelegt. Aber da ist nicht sicher, ob ihn das als kleinen Buben darstellt, denn genau wie du habe ich ihn nie gesehen und jetzt die Überraschung! Ich habe es nicht gewußt, freue mich über den Erfolg, kann dir aber auch nicht weiterhelfen, sondern nur die Postfachadresse übergeben!”, sagte sie und atmete durch, als er „Was machen wir denn da, Kindchen? Wir können ihn doch nicht per Zeitungsinserat suchen lassen? Habe ich dem „Rauris-Team”, das seine Adresse haben wollte, doch fest versprochen, ihm das freudige Ereignis selber auszurichten! Was machen wir jetzt?”, aufgeregt fragte.

„Du bist mir als rettender Engel eingefallen, als mir die Judith nicht weiterhelfen konnte und jetzt läßt du mich auch im Stich! Was machen wir denn da? Ein preisgekrönter Autor, der offenbar verschwunden ist und den wir suchen müssen! Eigentlich auch nicht so schlecht eine pressegerechte Inszenierung daraus zu machen! Aber wie machen wir das und warum ist der Haller so ein rarer Vogel, der mir zwar das Manuskript schickte, das ich dir zum Lektorieren übergeben habe und den ich, wie ich mich erinnern kann, nie gesehen habe! Die Korrespondenz hat die Judith für mich erledigt und die geplante Präsentation ist durch die Krise ins Wasser gefallen! Es ist auch ein heikles Thema, das er aufgegriffen hat. Handelt es sich bei „Die Uhren haben ihre Zeit verloren”, doch um einen Covid-Roman und dafür stehen die Zeichen immer noch nicht gut! So habe ich auch gezögert, ob ich mich auf das Wagnis einlassen soll, weil rundherum alle schreien „Bitte keine Covid-Romane! Die wollen wir nicht lesen!” Jetzt ist er erschienen und der Autor unauffindbar! Was machen wir da, Kindchen? Hast du eine Ahnung?”, fragte er sie zum wiederholten Mal und Fritzi antwortete, daß sie ihm eine Nachricht auf die Postfachadresse schicken würde.

„Da müssen wir wohl abwarten, Martin! Ich freu mich über den Erfolg!” und nickte, als er hinzufügte, daß er das Foto sehen wollte.

„Schick es mir, Kindchen, wenn wir schon kein aktuelles Foto haben! Ich erinnere mich, daß die bibliographische Notiz am Klappentext auch nur vage war und eigentlich sehr nichtssagend! Nur, daß es sich um einen wachen Kopf handelt, der sich für die Zeichen der Zeit interessiert! Das haben wir geschluckt! Aber jetzt müssen wir der Presse etwas weitergeben! Also schick mir das Bild von dem Schulanfänger! Blond hast du gesagt, ist der Knabe! Schick mir das Foto, wenn wir nichts anderes haben, stellen wir unseren wachen Zeitgenossen auf diese Art und Weise vor und wirst inzwischen nach ihm suchen! Du kannst es ja bei der Postadresse probieren!”